Stellungnahme des Stadtrats Alexander Dill für die Fraktion BürgerProjekt in der heutigen Stadtratssitzung
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich werde dem Investitionsbeschluss zur grundhaften Sanierung des Marktplatzes in Arnstadt für den 1. Bauabschnitt nicht zustimmen.
Weder überzeugt mich die vorgelegte Planung, noch die Art und Weise, wie das Beteiligungsverfahren durchgeführt wurde.
Aber der Reihe nach.
Im November 2022 hat der Arnstädter Marktplatz im Wettbewerb „Nachhaltige Stadtentwicklung und energetische Stadtsanierung“ einen Zuschlag erhalten hat.
So weit, so gut. Zwar war nicht nur unsere Fraktion der Meinung, dass eher dem Riedplatz, dem Bustreff oder anderen Plätzen der Stadt eine nachhaltige Stadtentwicklung und energetische Stadtsanierung besser zu Gesicht gestanden hätte. Doch andererseits konnte man bei zwei Amtsleitungen im Baubereich ja auch eine tatsächlich nachhaltige, zukunftsfähige und kosteneffiziente Bearbeitung erwarten. Dies umso mehr, da zumindest von einer Amtsleitung gelegentlich auch auf die Bedeutung des grünen und blauen Bauens – Bauen mit Pflanzen und Wasser – verwiesen wurde.
Doch schon im Oktober 2023 hieß es zur Sanierung des Marktplatzes: Es bleibt kein Stein auf dem anderen. Diese Marschrichtung wurde seither konsequent und auch bei der Planerauswahl fortgeschrieben. Der Planer, der Möglichkeiten für einen teilweisen Erhalt der Linden nachvollziehbar aufgezeigt hatte, kam nicht zum Zug, obwohl er von der Jury als fachlich am geeignetsten bewertet worden war.
Im Rahmen der weiteren Beteiligung hat die Verwaltung Proteste und Wünsche zwar regelmäßig zur Kenntnis genommen. Eine Abwägung oder Änderung, ein Interessenausgleich hat jedoch nicht stattgefunden.
In jedem Beteiligungstermin wurde stattdessen das Mantra wiederholt, dass die vollständige Fällung der Linden unabdingbar und alternativlos sei, Ursache dafür wiederum die Erneuerung der maroden Leitungen und das, obwohl im Platzinneren keine Leitungen, dafür umlaufend aber durchgehende Trassenbreiten von mehr als 8,00 m vorhanden sind. Darüber hinaus bekommen wir nun eine Planung, die auch den inneren Marktbereich schwerverkehrtauglich gestalten möchte, was wiederum einen 75 cm dicken Gesamtaufbau der Platzfläche, den Einbau von aufwendigen Wurzelkammersystemen und dementsprechend massive Eingriffe in den Untergrund nach sich zieht.
Das ganze Dilemma zeigt sich überdeutlich auch beim Bismarckbrunnen. Der Brunnen besetzt zwei potenzielle Baumstandorte, die unterirdische Brunnenkammer greift fast vier Meter tief in den historischen Stadtboden ein. Aus Angst vor Diebstahl und Vandalismus wird allerdings der Brunnen einer allzu innigen Umarmung von Bürgerinnen und Bürgern durch einen umlaufenden Zaun entzogen. Der Zugang zum Wasser wiederum wird mit einem zusätzlichen umgebenden Vorbecken vor dem Zaun hergestellt. Zusammen mit der halbseitigen Umpflanzung entsteht nunmehr eine erhebliche Barriere zwischen Markt und Unterm Markt, wird hier das für Arnstadt typische ineinanderfließen der kleinteiligen Platz- und Straßenräume erheblich gestört. Es ist fraglich, ob die Befürworter des Brunnens mit der Beharrung auf diesen Standort der Stadt und dem Brunnen einen Gefallen getan haben.
Dabei ist weniger oftmals mehr.
Denn der Arnstädter Marktplatz ist einer der größten, was seine Schönheit und Einzigartigkeit angeht, aber doch nur ein kleiner, wenn er in Quadratmetern gemessen wird.
Da mag die Frage erlaubt sein, ob auf diesem kleinen Platz ein Brunnen und noch ein Brunnen und noch ein Brunnen, ein Stadtrelief und Infostelen und Bodengeschichtsplatten nicht ein bisschen viel sind, denn Mastleuchten, Bänke, Papierkörbe, Poller, Rabattengeländer, Fahrradständer, Pflanzflächen und Verkehrsschilder kommen ja auch noch dazu, nicht zu vergessen temporäre Marktstände oder Veranstaltungszubehör. Ach ja, und natürlich auch noch der Bach.
Der Bach, der mit dem ihm gewidmeten Denkmal dem Marktplatz bisher ein einzigartiges, ganz wunderbares Gepräge verleiht, der diesen kleinen Marktplatz so recht zum Klingen bringt, der Raum gelassen hat, wie auch ihm Raum gelassen wurde, dieser Bach darf nach den Baumaßnahmen auf seinen Platz zurückkehren. Wenn alles drum herum aufgewühlt, um und umgegraben, glattbügelt, geliftet und gebotoxt sein wird.
Man weiß nicht recht, ob man sich darüber freuen soll.
Aber was soll’s. Es wird eben kein Stein auf dem anderen bleiben, wenn der Beschluss zur Marktsanierung mehrheitlich gefasst wird.
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Der Stadtrat hat sich anschließend mehrheitlich für die Marktplatzsanierung ausgesprochen.
Sehr guter Kommentar, danke dafür.
Leider wird auch er wenig bewegen.
Es ist immer wieder erstaunlich, was in den Köpfen von Menschen geschieht, sobald sie Macht ausüben können.
Dass der Stadtrat nicht die Verwaltung kontrolliert, sondern diese den Stadtrat, ist ebenfalls eine Erkenntnis, mit der wir dauerhaft werden leben müssen.
JK